Zu Besuch in der Pechsteinstraße

Wir stellen vor: Kleine grüne Oasen, reparierte Bänke, Kontakte zur Nachbarschaft und vieles mehr - ein Interview mit den Pechsteingärtnern

Dariusz Sieron und Azzedine Benahrail (von links) beim Interview

Der Treffpunkt mit den selbst reparierten Bänken

Schild an Marios Beet

Der Garten mit dem Buddha

Praktische Spende: 150 tönerne Weinbehälter von einem Bewohner der benachbarten Einfamilienhaus-Siedlung

Ganz wichtig für die Gärten sind die Wassertonnen

Drei Pechsteingärtner Azzedine Benahrail, Sebastian Runge und Dariusz Sieron (von links)

Wasser Marsch! Mario Kübler am Schlauch, und Dariusz dreht auf

Gemeinsame Gartenarbeit an Marios Beet

Das Vorbild vor Haus Nummer 66

Kleine grüne Oasen, reparierte Bänke, Kontakte zur Nachbarschaft und vieles mehr

Interview mit den Pechsteingärtnern

von Gerald Backhaus

Ein Mann sitzt schon auf einer Bank und erwartet mich. Das ist Dariusz Sieron. Der 41-jährige strahlt mit der Sonne um die Wette. Er erzählt, dass er und seine Mitstreiter, die  Männer der Pechsteingärtner-Truppe, diese Bänke selbst repariert haben. Dadurch wurde der Platz wieder zu einem richtigen Treffpunkt, an dem ab und zu auch gegrillt wird. „Auch Leute aus anderen Häusern haben uns schon gefragt, ob sie ihn nutzen können und kommen mit ihren Tischen her,“ sagt Dariusz stolz. „Und kaum einer wirft hier noch Müll hin, weil alle auf Sauberkeit achten.“ Fast alle Pechsteingärtner, eine Gruppe aus 12 bis 15 Männer, „zehn davon sind der feste Kern“, wohnen mit ihren Familien im 80er Block in der Pechsteinstraße, Dariusz zum Beispiel in der 80e. Daher stammt auch der Name der von ihnen betreuten Beete "Pechsteingärten", der auf weißen Blättern an den einzelnen Gärten steht. Eigentümer der Wohnblocks ist die landeseigene Wohnungsgesellschaft degewo. Früher gehörte die Wohnanlage zum Petruswerk.

Dariusz, Azzedine und die Anfänge mit Mario

Dariusz wurde in der Nähe der schlesischen Stadt Katowice in Polen geboren und kam im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Zuerst lebte die Familie in Berlin-Marienfelde, seit 1984 dann in Lichtenrade. Der gelernte Restaurantfachmann arbeitete beim Großhändler Metro in Spandau und ist aktuell als Lagerist in einem Logistikunternehmen beschäftigt.

Inzwischen ist ein weiterer Mann zu uns gestoßen. Azzedine Benahrail ist marokkanischer Abstammung und in Frankreich geboren. 1974 kam er mit drei Jahren nach Deutschland. Die Familie lebte zunächst in Kreuzberg. Als er dann als Erwachsener selbst eine Familie gründete und das erste Kind kam (mittlerweile 24 Jahre alt), wollten die Benahrails etwas raus ins Ruhigere und Grüne ziehen. Per Los entschieden sie sich für Lichtenrade. Seine vier Kinder sind alle hier aufgewachsen.

Mit den Pechsteingärten ging es bereits 2017 los, berichtet Azzedine. „Es sah damals hier aus wie Sodom und Gomorrha, total vermüllt. Und dann fing Mario aus der 80b mit seinem Beet vor der Haustür an.“ Viele blieben stehen und sprachen damals mit Mario Kübler darüber, was er hier vorhabe.

Gießen ist das A und O

An dem Beet lernte Dariusz’ Frau die Frau von Mario kennen. Durch die Frauen kamen dann auch die Männer zueinander, und Dariusz wurde selbst zu einem Pechsteingärtner. „Einen richtigen Schub hatten wir 2020 während der Pandemie, als alle zu Hause waren.“ Einen Sommer lang wurde an mehreren Beeten gleichzeitig geackert. „Wir haben uns Regentonnen und viele Arbeitsmaterialien besorgt. Rasenmäher und Schubkarren leihen wir uns gegenseitig. Und Schläuche haben wir jetzt, die sind 100 Meter lang.“ Die werden auch gebraucht, weil es nur einen einzigen verfügbaren Wasserhahn gibt. Geduld muss man mitbringen, wenn es um das Wässern geht: zwei bis drei Stunden dauert es, um die Wassertonnen an den einzelnen Beeten per Schlauch zu befüllen. Dazu nickt Sebastian Runge. Der 43-jährige aus Haus Nummer 80d hat sich zu uns gesellt, er ist seit 2021 bei den Pechsteingärtnern dabei.

Vom asiatischen Ziergarten bis zum Nutzgarten mit Hochbeet

Neben dem Gärtnern wird auch ab und zu gemeinsam gegrillt. „Und wir haben schon zusammen Ausflüge gemacht. Da ging’s mal nach Diedersdorf und auch zum Go-Kart-Fahren.“ Nur der harte Kern? „Nein. Wir sind zwar eine Männergruppe, aber unsere Familien unterstützen uns bei den Beeten und machen auch solche Aktionen gern mit.“ Gibt es ein besonderes Konzept und Pflanzpläne für die insgesamt acht Beete? Nein, jeder der Männer steckte sich ein Beet auf der vormals recht ungepflegten Rasenfläche ab und „legte erstmal drauf los.“ Erst etwas später entwickelte jeder von ihnen seinen eigenen Geschmack. „Ein bisschen wie bei den ‚Gärten der Welt‘ tendiert jeder so in eine Richtung“, beschreibt es Azzedine. Und natürlich hängt die jeweilige Bepflanzung auch von der Himmelsrichtung ab, also vom Einfall des Sonnenlichtes, ob es mehr ein Sonnen- oder ein Schattengarten ist.

Beim gemeinsamen Rundgang bekommt man eine Vorstellung davon, was Azeddine damit meint, dass der Garten vorm Hauseingang Nummer 80e asiatisch wirkt. Ein Buddha lächelt hier versonnen die Vorbeigehenden an. Ein weiteres Beet „tendiert in Richtung Rosengarten“. Vor der 80e befindet sich ein „natürlich betontes“ Beet, wo neben Zierpflanzen auch Gurken, Tomaten, Rhabarber und Rosmarin wachsen. Und auf den zwei Beeten von Gründer Mario heißt es „Alles kann, nichts muss“. Hier steht u.a. ein Hochbeet, und rote Erdbeeren warten auf das Pflücken. Weitere Hochbeete sind geplant. Bei einem „Interims - oder Gemeinschaftsbeet“ ohne konkreten Betreuer packen derzeit alle zusammen an. „Auch Nachbarn legen hier Pflanzen ab, die wir einpflanzen sollen.“

Nichts ist mehr wie früher, seit hier gegärtnert wird

„Vorher war hier alles zugewuchert. Es gab einige umgefallene Bäume, und wir haben wochenlang erstmal alles frei gesägt“, so Dariusz. Apropos Sägen, für die Einfassungen der Beete verwenden er und die anderen Pechsteingärtner Paletten aus dem Baumarkt, die sie sich zurecht sägen. Als Beetumrandung gut geeignet dafür sind auch tönerne Weinbehälter, von denen sie neulich 150 Exemplare von einem Bewohner der nahe gelegenen Einfamilienhaus-Siedlung geschenkt bekamen. Im Mai fuhren die Gärtner zusammen raus nach Brandenburg, um drei Zentner Steine für die Mieter in Haus Nummer 66 zu holen.  Unter Hobbygärtnern hilft man sich eben. Und Nummer 66 sei sowieso einen Besuch wert, weil eine Hausbewohnerin dort den Eingangsbereich sehr attraktiv gestaltet habe. „Soweit sind wir hier noch lange nicht,“ lacht Azzedine. Zum Glück wurde auch noch nichts gestohlen, Vandalismus an den Beeten habe es in all den Jahren nicht gegeben. Damit die zahlreichen Lieferdienste mit ihren Transportern nicht immer über den Rasen fahren, haben die Pechsteingärtner ein paar Pflanzkübel zum Schutz der Gartenzone aufgestellt.

Pechsteingärten als Vorbilder

„Streu fegen wir nach dem Winter auch weg, weil das sonst lange nicht passiert, weil die offizielle Gartenfirma nur selten kommt.“ Was sagt eigentlich der Vermieter, die degewo, zu den gärtnerischen Aktivitäten? Achselzucken, der Hausmeister jedenfalls findet es gut. Nicht nur der, „90 Prozent der Leute hier finden gut, was wir machen,“ so Azzedine. Die Älteren halten an, betrachten die Beete und kommen dabei miteinander ins Gespräch. „Und die Jüngeren akzeptieren das und nehmen ihren Müll mit, seit dem es hier überall sauber und gepflegt aussieht.“ Das Beispiel Pechsteingärten macht also Schule. So haben sich wohl schon Bornhagenweg-Gärtner formiert, wird berichtet.

Noch ein Lächeln für die Kamera bitte, und die Wünsche für die Zukunft? „Mehr Wasserhähne! Das würde uns sehr helfen.“ Und ein Geräteschuppen, z.B. ein Metallcontainer von Fladafi, doch wäre das fast schon Luxus.

Pechsteingärtner im Quartiersrat Nahariyastraße

Zu den Pechsteingärtnern zählen auch Bernd Schumann und Holger Schwabe. Die beiden, die auch im 80er Block wohnen, sind von Beginn an, also seit Januar 2022, als Bewohnervertreter des Bornhagenweg-Kiezes aktive Mitglieder im Quartiersrat Nahariyastraße. Ganz aktuell haben sie einen Antrag im Aktionsfonds des Quartiersmanagementes gestellt, mit dessen Hilfe sie die Arbeit in den Pechsteingärten stärken möchten. Mit dem Fördergeld sollen Dinge angeschafft werden, die für die gemeinsame ehrenamtliche Arbeit nützlich sind, z.B. ein Pavillon zum Treffen oder Gartenschläuche, mit deren Hilfe das Gießen der Beete aus den Wohnungen heraus erleichtert wird.

Text & Fotos: © Gerald Backhaus 2022