Besuch im neuen Familienzentrum Nahariyastraße

Was ein Familienzentrum macht? Gerald Backhaus war für uns bei der Evangelischen Kirchengemeinde und bekam Antworten auf diese und weitere Fragen.

Koordinatorin Dörthe Schoppa und...

...Pfarrer Roland Wieloch beim Interview

Der große helle Raum im Erdgeschoss...

...hat sogar eine Bühne

Im Kellergeschoss wird noch gebaut (November 2021)

Das Büro von Dörthe Schoppa

Im Küchenraum kann man auch gut sitzen

Kochbücher mit den verschiedensten Rezepten im Regal...

...und ein Gruß auf Türkisch

Pfannen und anderes Kochgerät für die unterschiedlichsten Gerichte

Nicht zu übersehen: das dekorierte Hinweis-Fahrrad des Familienzentrums

Im Gemeindehaus ist das neue Familienzentrum zu finden

Der Tauschladen am Marktplatz...

...und der Marktplatz an einem sonnigen Tag im November

Logo: © 2021 Berliner Familienzentren

Das neue Familienzentrum Nahariyastraße: Die Anlaufstelle Nummer Eins für alle Eltern von kleinen Kindern in Lichtenrade

Was macht eigentlich ein Familienzentrum? Ein Besuch im Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde von Lichtenrade in der Nahariyastraße 33 direkt am Marktplatz gibt Antworten auf diese Frage. Zusammen mit der Koordinatorin Dörthe Schoppa ist der für die Gemeinde zuständige Pfarrer Roland Wieloch beim Gespräch mit dabei. Babys krabbeln an dem Vormittag gerade nicht herum, und es sind auch keine herumtobenden Kinder zu hören. Das ist zum einen den Corona-Einschränkungen, zum anderen dem noch im Aufbau befindlichen Familienzentrum geschuldet. In den Räumlichkeiten wird noch gewerkelt. Die durch den Senat von Berlin geförderte Einrichtung ist eine von 49 dieser Art in Berlin. Das Familienzentrum befindet sich in Trägerschaft der Kirchgemeinde, weshalb es auch im Gemeindezentrum angesiedelt wurde, und ist noch ganz neu. Pfarrer Wieloch berichtet davon, wie sich die Gemeinde im Frühjahr dieses Jahres dafür beworben, und dass dann alles recht schnell ging. Das Kinder- und Jugendhaus Lichtenrade (KJH) schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite existiert schon lange und wird von den Kindern und Jugendlichen im Quartier gut angenommen. Doch gibt es in Lichtenrade und ganz besonders in der Hochhaussiedlung um die Nahariyastraße, die manch alteingesessene Lichtenrader als „exterritorial“ empfinden, bislang zu wenig Angebote für Familien mit ganz kleinen Kindern. Grund für die Initiative der Kirchgemeinde, sich für die Einrichtung und den dauerhaften Betrieb eines Familienzentrums stark zu machen.

Dörthe Schoppa und die 15-Minuten-Stadt

Dörthe Schoppa hatte sich auf die im Mai 2021 ausgeschriebene Stelle beworben und ist seit August nun als Koordinatorin an Bord. Aktuell widmet sie sich vor allem den Aufbauarbeiten und wird dabei unterstützt von Sabine Jarysz mit einer 10-Wochenstunden-Stelle und einer ehrenamtlichen Kollegin. Aufbauarbeiten? Das bedeutet nicht nur, die Renovierung der Räume im Kellergeschoss des Gemeindezentrums zu betreuen, sondern auch die Analyse dessen, wo den Familien hier im Kiez wirklich der Schuh drückt und was genau gebraucht wird. Dörthe Schoppa erwähnt das Modell der 15-Minuten-Stadt, das aktuell besonders von der Pariser Bürgermeisterin propagiert wird und auch in Deutschland als Vorbild gilt. Es hat zum Ziel, dass alles Lebensnotwendige innerhalb von 15-Minuten bzw. in einem Umkreis von anderthalb Kilometern zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen sein soll. In jedem Quartier braucht man dazu Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheitszentren, Gemeinschaftshäuser, soziale Einrichtungen, Cafés und Restaurants, um von einer Stadt mit vollwertigen Nachbarschaften zu sprechen. Dazu gehört auch ein Familienzentrum. 2012 gab es einen Senatsbeschluss, der besagte, dass 100 Familienzentren in Berlin gegründet werden sollten. Die direkt vom Senat geförderten Einrichtungen sollen angedockt an einen Kindergarten bzw. eine Kindertagesstätte sein. Die evangelische Kirchengemeinde Lichtenrade betreibt selbst drei solcher Einrichtungen für Kinder, doch bemühte sich Roland Wieloch um die direkt vis-á-vis liegende Kindertagesstätte Nahariyastraße, die ein Eigenbetrieb der Stadt Berlin ist   und zu den Kindertagesstätten Berlin Süd-West gehört. Eine der ersten Amtshandlungen von deren neuer pädagogischer Geschäftsführerin war es, die Kooperationsvereinbarung für das neu entstehende Familienzentrum Nahariyastraße gemeinsam mit dem Pfarrer zu entwickeln.

Von der Gymnastiklehrerin zur Familienzentrum-Koordinatorin

Dörthe Schoppa stammt aus Lankwitz. Von Beruf ist sie Gymnastiklehrerin und hat zudem viele Jahre als Erzieherin gearbeitet. 10 Jahre lang betrieb die Mutter dreier Kinder ein Gymnastikstudio in Mariendorf. Anfang der 2000er Jahre widmete sie sich dem Studium der Kindheitspädagogik an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, einer Hochschule im Bereich Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung. Sie unterrichtete während dieser Zeit parallel in bis zu fünf Kindergärten Musik, Sport und Rhythmik. In ihrem Fokus standen dabei die Familien mit „U3“, wie Fachleute die Kleinkinder im Alter bis zu drei Jahren bezeichnen. 2018 übernahm Dörthe Schoppa den Aufbau eines Familienzentrums in Friedenau. Das war eine sogenannte „sozialraumübergreifende“ Einrichtung. Das bedeutete, dass sie als Koordinatorin immer zwischen den beteiligten Institutionen unterwegs war. Hier in Lichtenrade gefällt ihr besonders, dass es ein richtiges Zentrum gibt, einen konkreten Ort. Beim Besichtigen der Räumlichkeiten bekommt man ein gutes Gefühl für diese Verortung. Der große helle Raum im Erdgeschoss ist für vielerlei Aktivitäten geeignet, und der hell gestaltete Küchenraum im Kellergeschoss soll für gemeinsame Koch-Aktivitäten und als Familiencafé genutzt werden.

Von Dialogspaziergang bis Schwangeren-Frühstück

Zu den konkreten Angeboten im Familienzentrum Nahariyastraße zählt ein Kurs zu Bindung, Begleitung und Beziehung in der Babyzeit genauso wie ein „Dialogspaziergang“. Dazu geht’s immer donnerstags ab 10 Uhr mit Kind und Kinderwagen quer durch den Kiez. Mittwochs findet unter dem Motto „Ich hab da mal ne Frage“ eine Beratung für Eltern und Familien statt, und jeden dritten Mittwoch im Monat kann man an einem Informationsabend zur Geburt im Auguste-Viktoria-Klinikum von Vivantes (AVK) teilnehmen. Samstags plant Dörthe Schoppa ein Frühstück für Schwangere. Auch ein Erste-Hilfe-Kurs für Eltern ist in Planung. Überhaupt wird das neue Familienzentrum ab 2022 richtig an Fahrt aufnehmen. Dann besteht auch die Möglichkeit, Fachdozenten für qualifizierte Angebote und Honorarkräfte für einzelne Aktivitäten zu engagieren. Es gibt bereits Kontakt zu den Babylotsinnen im in den südlichen Geburtskliniken. Diese Frauenstehen Familien in schwierigen Lebenssituationen rund um die Geburt eines Kindes unterstützend zur Seite. Auch die Kooperationen mit den Stadtteilmüttern und Bildungsbotschafterinnen im Bezirk sowie mit dem Bildungsverbund Lichtenrade hat Dörthe Schoppa angekurbelt.

Was fehlt im Nahariya-Kiez?

Laut Pfarrer Wieloch möchte sich die Kirchengemeinde mit ihrem neuen Familienzentrum noch mehr als bisher zur Nachbarschaft hin öffnen. Er träumt von einem Familiencampus im nahen räumlichen Umkreis. Dazu müssten sich neben der Kirche auch die Institutionen Kinder- und Jugendhaus (KJH), Kindertagesstätte Nahariyastraße sowie die Nahariya-Grundschule mit dem Familienzentrum noch enger verzahnen. Vernetzung ist das Wort der Stunde. Das auch noch recht neu hier angesiedelte Quartiersmanagement Nahariyastraße liegt als Kooperationspartner dafür quasi auf der Hand. Um das Familienzentrum bekannt zu machen, besucht Dörthe Schoppa seit einiger Zeit Elternabende in Kindergärten. Sie möchte auch Familien erreichen, die Scheu haben, irgendwo allein hinzugehen. Dazu ist der Aufbau von Vertrauen sehr wichtig. Bei ihren Besuchen fragt sie die Eltern immer danach, wo es konkreten Handlungsbedarf gibt, also was genau gebraucht wird. Die Anregungen der Mütter und Väter bündelt sie und erstellt daraus eine Liste mit Ideen. Aus diesen wiederum werden im Familienzentrum passgenaue Angebote „gestrickt“. Ein Beispiel? Dörthe Schoppa möchte Kontakt zu jungen Eltern herstellen, die durch die Corona-Einschränkungen besonders isoliert sind. Etwa ein Jahr lang dauert es, bis in einer jungen Familie nach der Geburt eines Kindes jeder seine Rolle gefunden hat. In Lichtenrade fehlen Angebote zur Geburtsvorbereitung und Rückbildungskurse. „Oder sie sind übervoll und mit Warteliste“, berichtet die Koordinatorin. „Da sollten wir ansetzen.“

Zukunftsmusik

Was sich getan hat, wenn ich in einem Jahr wieder komme, möchte ich wissen. Aus Dörthe Schoppa und Roland Wieloch sprudelt es nur so heraus. „Mein Traum wäre es, dass in einem Jahr alle Kitas, wenn in den Familien ein Problem auftaucht, bei der Lösung immer auch an unser Familienzentrum denken“, so der Pfarrer. Sie möchten hier einen rundherum bekannten Ort der Begegnung schaffen und ein an vielen Tagen geöffnetes Familiencafé anbieten. Spannende Bildungsangebote soll es geben, die genau das zum Inhalt haben, was hier im Kiez gebraucht wird, wie z.B. eine Baby-Trage-Beratung, oder Hinweise zum Umgang mit Großeltern und ihren Erziehungsmethoden sowie zur Situation von Geschwisterkindern, die sprachliche Begleitung von Eltern, Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, gemeinsames Kochen, Lesungen, Puppentheater und mehr. Angebote für Alleinerziehende, Regenbogenfamilien, Menschen mit Migrationshintergrund und mit Sprachproblemen sind in Planung. Einen Glaubenskurs als Gesprächsangebot für junge Eltern möchte Pfarrer Wieloch neu auflegen. Die Erst- und Zweitberatungen, die Dörthe Schoppa aktuell dienstags und donnerstags von 12 bis 14 Uhr anbietet, werden sicher weiter ausgebaut, ebenso die gezielte Vermittlung von Familien an zuständige Fachstellen im Bezirksamt und anderswo.

Was wird aus dem Marktplatz?

Der Marktplatz vor der Haustür, auf dem das dekorierte Fahrrad als Werbung für das Familienzentrum steht, soll z.B. mit Kunstkursen im Freien belebt werden. Dieser zentrale Platz ist kein öffentlicher Raum, sondern befindet sich im Eigentum der Adler Group, der der ganze Gebäudekomplex gehört. Hier sammeln sich u.a. auch Menschen, die von anderswo verdrängt wurden. Diesen Platz, an dem die Kirchengemeinde in Kooperation mit der Ufa/Nusz auch einen Tauschladen betreibt, möchte Pfarrer Wieloch wie viele andere im Kiez gern mit „Aufenthaltsqualität für alle“ gestalten helfen. Das sei ein Ziel der „Anwälte für Familien“, wie er seine Gemeinde und das Familienzentrum bezeichnet. Da ein Außenbereich für Kleinkinder bislang fehlte, wird aktuell ein Teil des KJH-Gartens gegenüber dafür umgestaltet, so dass ein geschützter sauberer Bereich ohne Hundekacke für Familien mit kleinen Kindern entsteht. „Das ist auch eine große Chance für das KJH“, so Roland Wieloch, „wenn die Kleinen und ihre Eltern schon frühzeitig auf die zahlreichen Angebote für größere Kinder auf dem Areal aufmerksam werden.“ Da stehen die Chancen also nicht schlecht, dass wir ein solches Gespräch 2022 dann im neu gestalteten Garten umringt von einer Krabbelgruppe führen werden.

Kontakt: Familienzentrum Nahariyastraße, Nahariyastraße 33, 12309 Berlin, Tel. (030) 70722300, E-Mail: schoppa@kg-lira.de, familienzentrum@kg-lira.de Weitere Informationen auf www.kg-lira.de www.berliner-familienzentren.de

Text & Fotos: © Gerald Backhaus 2021